Vom Stadion zum Flüchtlingsheim – und ab in die Vergessenheit: Stadion Mathias Stinnes

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Hunde und die Mitnahme von alkoholischen Getränken sind im Stadion Mathias Stinnes untersagt. Schließlich soll man seine hart verdienten Euros im Stadion lassen, wenn der Durst kommt. Nur: Im Stadion wurde schon lange nichts mehr verkauft. Es gibt schlicht und ergreifend keine Verkaufsstände mehr. Nichtmal mehr ein Spielfeld gibt es. Die Geschichte eines Stadions, das immer mehr verfällt.

Das Stadion Mathias Stinnes ist nicht einfach nur ein Stadion. Wenn wir über die deutsche Fußballgeschichte sowie die Gleichberechtigung von Frauen im deutschen Fußball sprechen, dann muss der Name des Stadion Mathias Stinnes‘ genannt werden. 1956 bestritt die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft hier ihr erstes inoffizielles Länderspiel überhaupt. Gegen die Niederlande gewannen die Damen vor 17.000 Zuschauern mit 2:1.

Der DFB untersagte den Vereinen zu dieser Zeit, Frauenfußball anzubieten. Das beruhte auf einem Beschluss vom Verbandstag des 30. Juni 1955.

„[…] unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, unseren Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten.“

Wortgenauer Auszug aus dem Beschluss des Verbandtags 1955 zum Frauenfußball in Deutschland

17.000 Fans trotzen DFB-Verbot im Stadion Mathias Stinnes

17.000 Zuschauer ist schon eine Marke, wie ich finde. Vielerorts bekommt Frauenfußball diese Aufmerksamkeit leider noch nichtmal heute. Und bei diesen 17.000 Fans im Stadion sprechen wir vom Jahr 1956, wo der Stellenwert in der Gesellschaft (leider) noch ein ganz anderer war, als es heute der Fall ist. Umso schöner, dass so viele Menschen damals den Weg in eines der modernsten Stadien des Ruhrgebiets fanden, um ein wichtiges Zeichen gegen diesen absurden Beschluss zu setzen.

Mein Video zum Stadion Mathias Stinnes in Essen: Voller Körpereinsatz beim groundspotten

Gebaut wurde das Stadion schon viele Jahre zuvor. Zur Zeit des besagten Länderspiels hatte das Stadion Mathias Stinnes ungefähr gerade seine Blütezeit. Eröffnet wurde es im Jahr 1925, bis die gleichnamige Zeche Mathias Stinnes das Stadion 1950 käuflich erwarb. Es folgte eine Aufbereitung, die es in sich hatte: Unter den neuen Besitzern wurde das Stadion Mathias Stinnes zu einem der modernsten Stadien des Ruhrgebiets ausgebaut.

Nachdem einem großen Fest zur Einweihung, zog mit der TSG Karnap 07 der damals zweitgrößte Vereins der Stadt Essen in das moderne Stadion um. Über die Jahre wurden hier allerlei sportliche Aktivitäten ausgetragen. Im Vereinsheim konnte dank einer Doppelkegelbahn sogar gekegelt werden. Für viele Kreisligatruppen wäre das heutzutage vermutlich ein wahr gewordener Traum. 🙂

Gastspiele von Schalke 04 und Rot-Weiß Oberhausen

Als die TSG Karnap 07 mit der SG Karnap 27 fusionierte, zog der neue Fusions-Verein dann an die Bezirkssportanlage Lohwiese um. Seitdem nutze vor allem die zweite Mannschaft von Rot-Weiss Essen das Stadion Mathias Stinnes als Heimspielstätte – aber auch die Revier-Rivalen Rot-Weiß-Oberhausen und der FC Schalke 04 wichen schon hierhin aus. Heute wäre das wohl kaum vorstellbar, dass Schalke oder RWO ins Stadion Essen ausweichen.

Im November 2009 folgte der Abriss des leerstehenden Sportheims, da kein Verein mehr wirklich im Stadion Mathias Stinnes ansässig war. Lediglich der Freizeitliga-Verein Rot-Weiß Altenessen kickte hier. Im Jahr 2015 übernahm die altehrwürdige Spielstätte dann einen wichtigen Teil für die Gesellschaft und wurde spontan zu einem Zeltlager für bis zu 700 Geflüchtete umfunktioniert.

Für dieses Unterfangen wurde ein Teil der Tribüne zerstört sowie Bäume gefällt, um Rettungswege gewährleisten zu können. Im Zuge dessen wurden auch die Rasen- und Aschenflächen im Stadion komplett entfernt und durch Beton sowie Schutt und Geröll ersetzt. Sportliche Aktivitäten können in diesem Stadion also nicht mehr stattfinden. Nach dem Auszug der letzten Flüchtlinge im November 2016 wurde die Haupttribüne dann komplett abgerissen. Das Haupttor sowie die Stehplatztraversen sind noch erhalten.

Heutzutage verfällt das Gelände immer mehr. Einst fanden hier bis zu 30.000 Zuschauer ihren Platz. Nach seiner Reise vom modernen Fußballstadion in den 50er Jahren zum Essener Amateurstadion und Flüchlingszeltlager, scheint das Stadion Mathias Stinnes nun in seine letzten Jahre als Sportstätte zu gehen. Wie das Grundstück weiter genutzt werden soll steht noch nicht fest. Einzig die Nutzung als aktive Sportstätte der Stadt Essen scheint ausgeschlossen.

Anreise zum Stadion Mathias Stinnes

Wer sich das alte Schmuckstück gerne mal selbst ansehen möchte, muss dafür in die Ruhrgebietes-Metropole Essen fahren. Das Stadion bzw. das Gelände gehört dem Energieversorgungsunternehmen RWE, ist also in Privatbesitz. Die beiden Zugänge (Haupteingang, siehe Artikelfoto, und Seiteneingang) sollten bei eurem Besuch vermutlich beide abgeschlossen sein. Das muss aber nicht für jeden ein Hindernis sein. 😉

Hier einmal die Google-Karte für das Stadion Mathias Stinnes. Dann könnt ihr direkt schauen, wie weit es von euch entfernt liegt – und wie ihr den Besuch am besten möglich machen könnt:

Kevinhttps://stadiontouri.de
... der Mensch hinter dem Blog- und YouTube-Kanal "Stadiontourist". Ist gelernter Programmierer und studierte danach Journalismus und Public Relations. Auf YouTube hat sein Kanal zu Fußballstadien und Fankultur über 1,3 Millionen Aufrufe erzielt. Arbeite eine Zeit lang als freier Journalist für eine Sportzeitung und steuerte Videobeiträge zur Ausstellung "Fan.Tastic Females" bei, die sich mit Frauen in Fußball-Fankurven beschäftigt. Hauptberuflich noch immer irgendwas mit Medien, Schwerpunkt Social Media.

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